Kreis Kassel. Flucht, Exil, Toleranz und Integration: Es sind wohl diese Schlagworte, mit denen sich die Geschichte der Hugenotten in Europa am besten umreißen lässt.

Geradezu erfahrbar wird diese Geschichte durch den europäischen Fernwanderweg „Hugenotten- und Waldenserpfad“, der über 2000 Kilometer Länge von Bad Karlshafen im Landkreis Kassel bis nach Frankreich und Italien führt. Er erinnert an die lange Geschichte der Glaubensflüchtlinge, die vor über 300 Jahren ihre Heimat in Frankreich und Italien verlassen mussten und bis nach Deutschland kamen.

Nun bekommt dieser Fernwanderweg eine neue Wegschleife, die sich auch durch den Altkreis Kassel schlängelt – die sogenannte „St. Ottilien-Schleife“. Sie wird im Oktober eröffnet (siehe Information) und führt von Mariendorf nördlich von Immenhausen über Kassel nach Helsa mitsamt dem namensgebenden Ortsteil St. Ottilien, dann weiter über die Knallhütte in Baunatal und die Schauenburger Märchenwache bis zurück zur Hauptroute des „Hugenotten- und Waldenserpfades“ in Naumburg. Das Thema: Das hugenottische Kulturerbe am Beispiel der Grimm-Märchen.

Der Weg der neuen Schleife ist gut gewählt: In Mariendorf war bis 1740 Etienne Droume, Urgroßvater der Märchenerzählerinnen Hassenpflug, hugenottisch-französischer Pfarrer. In Immenhausen trifft die Schleife auf den Märchenlandweg. In Kassel warten die Karlskirche am Karlsplatz als ehemaliger hugenottischer Kultort sowie auf dem Weinberg die Grimmwelt auf den Wanderer, im Kasseler Ortsteil Niederzwehren lebte einst die Märchenfrau Dorothea Pierson-Viehmann. Über Kaufungen und Nieste führt der Weg dann nach Helsa mit dem Ortsteil St. Ottilien, der einstigen Hugenottenkolonie. Weiter geht es zur Knallhütte, wo Dorothea Pierson-Viehmann die längste Zeit gelebt hat. Daran schließen sich die Schauenburger Märchenwache und schließlich Naumburg an.

Ab 1685 vertrieben

Tatsächlich ist der „Hugenotten- und Waldenserpfad“ längst eine von insgesamt 33 anerkannten „Europäischen Kulturrouten“. Der Weg führt durch die Kultur- und Naturlandschaften Mittel- und Südeuropas und zeichnet die Flucht- und Ankommenswege der Hugenotten und Waldenser nach. Beide Bevölkerungsgruppen mussten ab etwa 1685 ihre Heimatregionen wegen ihres calvinistisch geprägten protestantischen Glaubens verlassen.

Inzwischen nutzen immer mehr Einzelwanderer und Gruppen die Kulturroute. Im Frühling 2016 erwanderte Wim Westiga, ein niederländischer Fernwanderer, die Route von Frankreich bis nach Bad Karlshafen. Im Sommer 2017 fuhr der Bad Karlshafener Markus Löschner mit dem Rad von den Cévennen nach Hause zugunsten eines Kinderheims in einem historischen Hugenottenhaus in Bad Karlshafen – ganz im Sinne von Toleranz und Integration.

Information:

Mit zwei Veranstaltungen wird die St. Ottilien-Schleife im Oktober eröffnet:

• Heute, Freitag, 6. Oktober: Der Förderverein Schauenburger Märchenwache lädt um 19.30 Uhr in die Märchenwache, Lange Straße 2, ein. Los geht es mit einem Vortrag von Renate Buchenbauer zum Thema „Europäisches Kulturerbe entdecken auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad“. Es folgt eine Vorlesung von Gudrun Sander aus dem Märchen „Frau Holle“. Nach einer Pause mit Imbiss und Getränken hält Jürgen Lips einen weiteren Vortrag über „Das Kulturerbe der Hugenotten in Nordhessen – Einfluss der Integration auf die Grimm-Märchen“. Der Abend endet mit einer Vorlesung aus dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

• Sonntag, 29. Oktober: Die Einweihung der St. Ottilien-Schleife beginnt um 10 Uhr in Helsaer Ortsteil St. Ottilien mit einer Rundwanderung um St. Ottilien. Treffpunkt ist das Colonistenhaus (Kirche). Danach gibt es Mittagessen in der Gaststätte „Alte Scheune“. Ab 15 Uhr beginnt der offizielle Teil mit Begrüßung durch Bürgermeister Tilo Küthe. Renate Buchenauer stellt anschließend den 2000 Kilometer langen „Hugenotten- und Waldenserpfad“ vor.

Mehr Infos im Internet unter: www.hugenotten-waldenserpfad.eu

HNA Online

2017-09_Faltblatt-St-Ottilien-Schleife
Auf den Spuren der Hugenotten

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