Helsa. Wohin mit dem atomaren Abfall? Diese Frage beschäftigte bereits zu Beginn der 60er-Jahre. Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks hatte auch Helsa als Standort für eine Deponie ins Gespräch gebracht.

Wäre das, was in einem Zehn-Sekunden-Beitrag des Hessischen Rundfunks (HR) zu sehen war wahr geworden, hätte sich das Leben für die Einwohner von Helsa und Umgebung für viele Generationen grundlegend geändert. „Wendepunkte hessischer Geschichte“ heißt die Sendereihe, die kürzlich ausgestrahlt wurde und in 25 Beiträgen aus der hessischen Zeitgeschichte berichtet.

In einem dieser Beiträge erscheint das Atomkraftwerk (AKW) im südhessischen Biblis im Bild. Es wird erwähnt, dass das Werk im Mai 2011 abgeschaltet werden soll. Der Moderator sagt, dass man sich auch Gedanken darüber mache, was mit dem atomaren Abfall passieren soll. Plötzlich erscheinen Filmaufnahmen eines Ortsschilds in schwarz-weiß auf dem Bildschirm – auf dem Schild ist deutlich „Helsa“ zu lesen.

Dann heißt es wörtlich: „Hierbei (gemeint ist die Entsorgung des Atommülls) plant man, das ehemalige Pumpwerk bei Helsa, 16 Kilometer östlich von Kassel, als Atomfriedhof herzurichten“. Moderatoren begleiten die Sendung mit ihren Kommentaren. Holger Weinert meint dazu: „Das ist nicht geheuer. Allein diese Lagerung, Helsa bei Kassel – die waren doch krank“.

Gezeigt werden in dem Beitrag Bilder des ehemaligen Pumpwerks mit alten Gebäuden, die Kaskadenanlagen eines Baches und einige Anlagen unbekannter Herkunft. Laut HR-Fernsehen stammt der Beitrag aus dem Jahr 1962. Geschichtlich passt diese Zeit, denn der erste Kernreaktor entstand bereits 1952 in München – wenn auch als Forschungsreaktor. Das erste AKW ging 1962 in Kahl bei Aschaffenburg (Bayern) ans Netz und damit begann auch die Problematik der Entsorgung.

Dass aber auch Helsa offenbar im Gespräch war, überraschte auch Gerd Vogelsang, Vorsitzender des Geschichtsvereins Helsa. Den Vereinsmitgliedern, die ein umfangreiches Archiv unterhalten, sagt das Gezeigte nichts: „Das haben wir zum ersten Mal gehört und Zeitzeugen sind wahrscheinlich schwer zu finden“, sagt Vogelsang.

Jemanden hat er aber dennoch befragen können. Einen ehemaligen Gemeindevertreter, der leider kürzlich gestorben ist. „Der meinte“, erzählt Vogelsang, „man habe in der Gemeindeverwaltung darüber gesprochen, aber es seien nie Beschlüsse dazu gefasst worden.“

Die Problematik mit Atommüll sei den Menschen damals nicht bewusst gewesen. „Uns war es egal, woher der Strom kam. Und wir haben Atomstrom als eine sauberere Sache empfunden, als den aufwendigen Braunkohleabbau“, schildert Vogelsang die damalige Situation.

Schwierige Spurensuche vor Ort

Begibt man sich heute, 56 Jahre später, am Ende des Sportplatzwegs auf Spurensuche, wird es schwierig. Zwar stehen die alte Pumpanlage und einige Nebengebäude noch, aber das gesamte Gelände befindet sich in Privatbesitz und ist hermetisch abgeriegelt.

Schon am Spazierweg steht links ein Schild „Betreten verboten – Privatweg“. Aus der Ferne ist ein in der leichten Anhöhe verborgenes Gebäude zu erkennen. Der Besitzer des 28 000 Quadratmeter großen Grundstückes hat telefonisch Auskünfte und den Zugang zum Gelände verweigert. Er befürchtet ein zu großes öffentliches Interesse.

Familie Wollenhaupt hat das Gelände vor zwei Jahren an den heutigen Besitzer verkauft. Erinnerungen daran, dass hier einmal eine Atommülldeponie entstehen sollte, haben sie aber nicht. „Meine Eltern haben das Grundstück in den 50er-Jahren von einer Verwaltungsfirma gekauft“, weiß Dieter Wollenhaupt noch und fährt fort: „Das Gelände habe ich von meinen Eltern geerbt und die darauf stehenden Häuser, die zum ehemaligen Pumpwerk gehörten, wurden zu Wohnhäusern umgebaut.“

Auch von der Friedrichsbrücker Straße, oberhalb des alten Pumpwerkes, hat man nur eingeschränkte Sicht auf das Gelände. Das Pumpwerk ist völlig zugewachsen, allerdings kann man noch Gullys entdecken, in die das Wasser eingeleitet wurde. Durch dicht gewachsene Bäume, Gestrüpp und Unkraut ragt noch ein deutlich sichtbares Gebäude hervor. Aber auch hier: Privatweg – Durchgang verboten! Geht auch gar nicht, da ein Metallzaun mit Betonpfosten und Ketten befestigt ein Betreten nicht möglich macht.

Pumpwerk lieferte Wasser für Hirschhagen

Unweit von Hessisch Lichtenau wurde in Hirschhagen im Winterhalbjahr 1935/36 die drittgrößte Munitionsfabrik im damaligen Dritten Reich gebaut. In der Fabrik waren teilweise bis zu 4000 Menschen beschäftigt, davon 54 Prozent Frauen. Die meisten wurden aus dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar (Thüringen) nach Hirschhagen deponiert. Die Fabrik brauchte Unmengen an Trink- und Brauchwasser.

Das Trinkwasser wurde aus fünf Tiefbrunnen entlang der Losse bei Helsa gefördert. Nachdem es Filteranlagen durchlaufen hatte, wurde das Wasser vom Pumpwerk Helsa in eine Kammer des Hochbehälters auf dem Rohrberg gedrückt. Aus dieser Kammer wurde eines der drei Versorgungsnetze mit Wasser versorgt. Das Brauchwasser wurde dem Hergesbach und dem Wedemannsbach mithilfe von zwei Vorpumpen entnommen. Auch dieses Wasser durchlief Filteranlagen und gelangte dann in weitere drei Kammern der Hochbehälter. Das aus einem 1940 angelegten Kühlteich entnommene Wasser versorgte die Großverbraucher. Die Munitionsfabrik benötigte bis zu neun Millionen Liter Brauchwasser täglich. Die Pumpen hatten eine Kapazität von 450 Kubikmetern pro Stunde – 10.800 Kubikmeter pro Tag. Am 29. März 1945 wurde die Produktion eingestellt.

HNA Online

Atommüll-Endlager in Helsa? Ehemaliges Pumpwerk war als Standort im Gespräch
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